21.01.2025

Unternehmenskrise – wie der QMB helfen kann

Das Wettbewerbsumfeld vieler Unternehmen ist heute gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Unsicherheit, das in einer Vielzahl von Krisen begründet ist, die momentan global zu beobachten sind. Dadurch dürfte sich auch für Ihr Unternehmen die Gefahr erhöhen, dass es selbst in eine Krise gerät. Wenn dies geschieht, ist schnelles Handeln vonnöten. Jetzt sind Sie als Qualitätsexperte und interner Berater gefragt. Mit welchen sieben Maßnahmen Sie bei der Bewältigung einer Krise in Ihrem Unternehmen helfen können, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Ein Rettungsring in der rauen See zeigt, wie wichtig es in der Krise ist, die Ruhe zu bewahren

Maßnahme 1: Ruhe bewahren

Wenn Sie feststellen, dass Ihr Unternehmen in eine Schieflage geraten ist, gilt als allererste Regel, einen kühlen Kopf zu bewahren. Als Qualitätsexperte sollten Sie darauf hinwirken, dass in Ihrem Unternehmen keine vorschnellen und unüberlegten Maßnahmen wie z. B. Standortschließungen oder Massenentlassungen veranlasst werden. Diese wirken, wenn überhaupt, nur kurzfristig.

Oftmals verschlimmert sich dadurch noch die Situation für die verbleibenden Mitarbeiter: Deren Arbeitsbelastung steigt und die Ausführungsqualität wird schlechter mit der Folge von hohen Fehlerkosten und drohenden Auftragsverlusten.

Um raus aus der Schockstarre zu kommen, sollten Sie eine Unternehmenskrise als Chance sehen, um die Weichen für den zukünftigen Unternehmenserfolg zu stellen. Erzeugen Sie eine Aufbruchstimmung und ermutigen Sie die Mitarbeiter, gestärkt aus der Krise zu kommen.

Wichtig

Sorgen Sie dafür, dass das Qualitätsmanagement im Krisenfall auf gar keinen Fall vernachlässigt wird, was die Krise noch verschärfen würde. Im Gegenteil, gerade jetzt ist Ihr umfassender Blick und die Detailkenntnis der Unternehmensprozesse unerlässlich.

Das bedeutet aber auch, dass die Standardaufgaben des Qualitätsmanagements, z. B. die Pflege der Dokumentation, auch in Krisenzeiten erledigt werden.

 

Maßnahme 2: Krise analysieren

Beginnen Sie mit einer Untersuchung der Krisenursachen. Obwohl Unternehmenskrisen oftmals durch exogene Einflüsse, wie z. B. politische Unsicherheiten, die Erhebung von Zöllen, Einfuhrbeschränkungen oder wegbrechende Märkte angestoßen werden, liegen die Ursachen dafür in der Regel im Unternehmen selbst, insbesondere in Unzulänglichkeiten in der Führung und Organisation.

Zur Identifikation von Krisenursachen eignen sich vor allem das aus dem Qualitätsmanagement bekannte Ursache-Wirkungs-Diagramm, die 5W-Fragetechnik sowie Pareto- und Korrelationsdiagramme.

Im Rahmen der Krisenanalyse sollten Sie insbesondere klären,

  • anhand welcher Symptome sich die Krise in Ihrem Unternehmen zeigt,
  • durch welche Einflüsse die Krise verursacht wurde,
  • wie stark die Ausprägungen dieser Einflüsse sind und
  • welche Bereiche/Abteilungen/Mitarbeiter (besonders) betroffen sind.

Krisen: Einflüsse von außen

Mögliche endogene Einflüsse als Ursachen von Unternehmenskrisen:

  • Managementfehler
  • zu hohe Produktionskosten
  • unzureichende Marktinformationen
  • fehlendes Projektmanagement
  • überforderte Organisation
  • zu oberflächliche Risikoanalyse
  • falsche Absatzpolitik
  • fehlende Mitarbeitermotivation
  • unzureichender Service
  • unklare Organisation
  • hohe Abhängigkeit von Lieferanten

Tipp

Vor allem, wenn es darum geht, Schwachstellen und Fehlerquellen bei Ihren Produkten und in Ihren Prozessen zu erkennen, eignen sich interne Produkt- und Prozessaudits. Auch sollten Sie kundenbezogene Kennzahlen, z. B. zu Reklamationen und Kundenabwanderungen, in den Blick nehmen.

Maßnahme 3: strategische Ausrichtung prüfen

Wichtig ist auch, dass Sie in einer Krise die strategische Ausrichtung Ihres Unternehmens von der obersten Leitung kritisch hinterfragen lassen. Führen Sie dazu eine Managementbewertung durch.

Die dort erhobenen Informationen sollten Ihnen dabei helfen, die folgenden Fragen zu beantworten:

  • Ist unser Geschäftsmodell noch zukunftsfähig?
  • Entsprechen unsere Produkte noch den Kundenanforderungen?
  • Welche Chancen können wir auf welchen Märkten ergreifen?
  • Auf welche Märkte/Produkte sollten wir uns konzentrieren?
  • Mit welchen unserer Kompetenzen können wir Wettbewerbsvorteile schaffen? Wo sind wir besser als unsere Konkurrenten?
  • Welche Marktnischen können wir besetzen?

Maßnahme 4: Krisenstrategie festlegen

Im nächsten Schritt geht es darum, eine Strategie zu bestimmen, mit der Sie den Turnaround schaffen wollen. Sicher gibt es kein Patentrezept für die Überwindung einer Krise, da sich Lösungsansätze immer an der konkreten Krisensituation orientieren.

Allerdings können vier grundlegende Krisenstrategien unterschieden werden, die Ihrem Unternehmen dabei helfen, eine Krise zu überwinden.

Sie werden in der Tabelle 1 dargestellt.

Tab. 1: Krisenstrategie festlegen
Aufgabestrategie Hier erfolgt ein Rückzug aus bisher bearbeiteten Märkten bzw. Produktsegmenten, die nicht mehr rentabel sind.

Derartige Entscheidungen können Sie mithilfe einer Kundendeckungsbeitragsrechnung unterstützen.

Konsolidierungsstrategie Bei dieser Krisenstrategie bearbeitet Ihr Unternehmen weiterhin die bisherigen Märkte auf einem niedrigeren Niveau oder es zieht sich auf lukrative Marktnischen zurück.

Dies führt zum Abbau von Kapazitäten und zu Kostensenkungsmaßnahmen. Als Qualitätsexperte können Sie insbesondere auf eine Prozessoptimierung hinwirken, um Kosten zu senken.

Diversifikationsstrategie Bei der Diversifikationsstrategie erweitert Ihr Unternehmen seinen Kundenkreis, indem es seine Produktpalette ausweitet oder neue Märkte erschließt.

Die Umsetzung dieser Strategie können Sie als Qualitäter methodisch begleiten. So stellen Sie z. B. mithilfe des  Quality Function Deployment (QFD) sicher, dass bei der Produktentwicklung alle wichtigen Wünsche und Anforderungen der Kunden berücksichtigt und in Produktmerkmale umgesetzt werden.

Veränderungsstrategie Hier positioniert sich Ihr Unternehmen als Marktführer im Gesamtmarkt oder in ausgewählten Marktsegmenten.

Dabei strebt es die Qualitätsführerschaft an. Ziel dieser Strategie ist es, sich mit branchenweit einzigartigen Produkten und Services, die auf Begeisterungsmerkmalen basieren, von seinen Wettbewerbern abzuheben.

Mit Ihrer Kenntnis des Kano-Modells können Sie dabei helfen, die Begeisterungsmerkmale von Kunden bzw. Kundengruppen zu identifizieren.

Maßnahme 5: Kommunikation intensivieren

In Krisenzeiten ist es besonders wichtig, bestehende Kontakte zu Kunden, Lieferanten und Geschäftspartnern aufrechtzuerhalten und zu intensivieren, da in der Regel nicht nur in Ihrem Unternehmen eine große Verunsicherung herrscht, sondern auch bei diesen Personengruppen.

Ziel ist es, Vertrauen und Zuversicht zu schaffen, dass die Krise überwunden werden kann. Insbesondere gegenüber seinen Kunden sollte sich Ihr Unternehmen als Partner für Zuverlässigkeit, Qualität und Wertbeständigkeit positionieren. Aufgrund Ihres funktionsübergreifenden

Aufgabengebiets sind vor allem Sie als Qualitätsexperte prädestiniert, die Kommunikation mit Ihren Kunden, Lieferanten und Geschäftspartnern, aber auch mit den Mitarbeitern in Ihrem Unternehmen zu intensivieren.

Maßnahme 6: QM-System optimieren

Auch sollten Sie eine Krise in Ihrem Unternehmen dazu nutzen, Ihr QM-System zu optimieren, da in einer Krise die Einsicht in die Notwendigkeit von Vorbeugungs- und Verbesserungsmaßnahmen bei den Mitarbeitern steigen dürfte.

Hinterfragen Sie kritisch die festgelegten Verantwortlichkeiten, Rollen und Befugnisse. Analysieren Sie Ihre Prozesse und suchen Sie nach Kostensenkungspotenzialen.Führen Sie dazu funktionsübergreifend interne Prozessaudits durch, in denen Sie Abläufe, Arbeitsabfolgen und den Material- und Informationsfluss an den Schnittstellen auf mögliche Schwachstellen hin untersuchen.

Maßnahme 7: Agilität ermöglichen

Als Qualitätsverantwortlicher sind Sie es gewohnt, dass sich Ihre Mitarbeiter streng an ihre Vorgaben halten, die z. B. in Prozessbeschreibungen, Arbeits- und Prüfanweisungen festgelegt sind. Gerade in einer Krise geht es jedoch darum, schnell und flexibel auf veränderte Bedingungen zu reagieren.

Daher sollten Sie agile Vorgehensweisen fördern. Diese zeichnen sich insbesondere durch experimentelle Arbeit in kurzen Zeitintervallen mit Feedbackschleifen aus, die in kleinen, autonomen und selbstorganisierten Teams verrichtet wird. Wirken Sie darauf hin, dass in Ihrem Unternehmen agile Methoden wie z. B. Kanban und Design-Thinking eingesetzt werden, um Projekte und Arbeitsprozesse zu beschleunigen.

 

Tipp

Scheuen Sie sich nicht, auch auf externe Expertise zurückzugreifen. Spezialisierte Restrukturierungs- und Sanierungsberater, aber auch Wirtschaftsprüfer können geeignete Ansprechpartner in einer Unternehmenskrise sein. Sie sind neutral und werfen einen unvoreingenommenen Blick von außen auf Ihr Unternehmen.

Sie verfügen über Branchenerfahrung, können Ratschläge und Impulse geben oder gar interimsmäßig Führungspositionen besetzen.

 

 

Autor*in: Jens Harmeier