DAK-Gesundheitsreport: Wie krank sind deutsche Beschäftigte wirklich?
In den letzten Monaten sorgte der hohe Krankenstand in deutschen Unternehmen für reichlich Zündstoff. Sind deutsche Beschäftigte Europameister im Krankfeiern? Der aktuelle DAK-Gesundheitsreport zeigt, dass die statistische Erhebung einen seriösen Ländervergleich unmöglich macht und sich der deutsche Krankenstand vermutlich im europäischen Durchschnitt bewegt.
Zuletzt aktualisiert am: 01. April 2025

Die gute Nachricht vornweg: Der Anstieg der Ausfalltage durch Erkrankung ist 2024 zum Stillstand gekommen. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Analyse des DAK-Gesundheitsreports. Demnach waren 2024 0,1 % weniger Beschäftigte im Krankenstand als in den beiden Vorjahren. Die Anzahl der krankheitsbedingten Fehlzeiten sank damit von 5,5 auf 5,4 %. Für viele Unternehmer ist das aber nur ein schwacher Trost, denn der deutsche Krankenstand scheint im europäischen Vergleich einsame Spitze zu sein. Entsprechend gab es in den letzten Monaten immer wieder Forderungen, gegen die Ursachen des hohen Krankenstands vorzugehen. Aber stimmt das überhaupt: Sind deutsche Beschäftigte „Europameister“?
Mangelnde Vergleichbarkeit der ermittelten Ausfalltage
Die Autoren der DAK-Analyse bezweifeln das. Sie weisen auf das neue elektronische Meldeverfahren hin, das 2022 eingeführt wurde. Die Ausfallzeiten stiegen dadurch sprunghaft von 4,4 auf 5,8 % an und bewegten sich seither kaum. Dies legt nahe, dass es sich bei der absoluten Höhe der krankheitsbedingten Ausfallzeiten um einen rein statistischen Effekt handeln könnte. Zusätzlich gibt es wegen Systemunterschieden bei der Entgeltfortzahlung große Probleme, EU-Länder miteinander zu vergleichen. Die Autoren der DAK-Analyse verwendeten alternativ Datensätze der OECD, bei denen aufgrund der einheitlichen Erhebung der Daten diese Probleme nicht auftreten. Das Ergebnis ist keine Entwarnung, relativiert aber die Dringlichkeit des Problems: Deutschland ist bei den krankheitsbedingten Fehlzeiten nicht „Europameister“, sondern liegt „nur“ im oberen Mittelfeld.
Mehr Krankmeldungen, weniger Ausfalltage
2024 gab es einen geringfügigen Anstieg der Krankheitstage, der dennoch zu einem gegenüber den beiden Vorjahren um 0,1 % geringeren Krankenstand führte. Der Grund dafür liegt in der durchschnittlichen Dauer eines Krankheitsfalls, der sich gegenüber dem Vorjahr von 10,1 auf 9,7 Tage reduzierte. Bei den Erkrankungsgruppen zeigt sich bei den Atemwegserkrankungen eine positive Entwicklung: Hier reduzierten sich die Fehltage von 2023 auf 2024 um 8 %. Auch die Muskel-Skelett-Erkrankungen (z.B. Rückenschmerzen) gingen um 6 % zurück. Einen starken Anstieg verzeichneten dagegen psychische Erkrankungen wie z.B. depressive Episoden.
Krankheitsbedingte Fehlzeiten unterscheiden sich zwischen den Branchen
Der Branchenvergleich der DAK-Analyse zeigt den Einfluss der Arbeitsbedingungen auf den Krankenstand. So waren Beschäftigte in der Datenverarbeitungsbranche sowie bei Banken und Versicherungen relativ gesund mit einem durchschnittlichen Krankenstand von 3,5 bzw. 4 %. Dagegen war der Krankenstand im Gesundheitswesen (6,3 %) sowie in der Branche Verkehr/Lagerei/Kurierdienste (6,0 %) überdurchschnittlich hoch.
Handlungsempfehlungen gegen den hohen Krankenstand
Auch wenn Deutschland in puncto Krankenstand nicht „Europameister“ ist, sind die krankheitsbedingten Ausfallzeiten auch beim in der DAK-Analyse verwendeten OECD-Ländervergleich überdurchschnittlich hoch. Dies kann für Unternehmen gerade angesichts des Fachkräfte- und Arbeitskräftemangels besonders problematisch sein. Eine DAK-Befragung aus dem Jahr 2023 zeigt, dass der Personalmangel in allen Branchen existiert und die Belegschaften besonders belastet.
- Verbreitung: Der Arbeitskräftemangel ist ein Phänomen, das in fast allen Branchen und Berufen zu finden ist. Insgesamt gaben 72 % der von der DAK befragten 7.000 Beschäftigten an, dass in ihrem Betrieb Personalmangel besteht.
- Branchen: Besonders großer Personalmangel herrscht in den Branchen Verkehr und Lagerei, im Gastgewerbe sowie in der Energie-, Gesundheits- und Baubranche.
- Berufsbilder: Besonders Berufe in der Alten- und Krankenpflege sowie im Erziehungswesen und in der Kinderbetreuung sind vom Personalmangel in besonderem Ausmaß betroffen.
- Auswirkungen: Bei Betrieben mit regelmäßigem Personalmangel ist der Krankenstand um 5,5 % höher als bei Betrieben, die keine Probleme mit der Personalbeschaffung haben. Zudem reagieren die Beschäftigten mit der Reduzierung ihrer Arbeitszeit.
Bei der Befragung wurden die Teilnehmer auch nach den konkreten Auswirkungen des Personalmangels auf ihre betriebliche und gesundheitliche Situation befragt. Sie berichteten in hohem Maße (mehr als zwei Drittel) von starkem Termin- und Leistungsdruck sowie von Pausen, die nicht genommen werden können (40 %). Das Fehlen der Kollegen führt auch dazu, dass etwa ein Drittel der Befragten unter Ängsten, das vorgeschriebene Arbeitspensum nicht zu schaffen, leidet. Weitere häufig genannte Symptome sind Schmerzen, Schlafstörungen und Erschöpfungszustände. Dass diese Probleme vom Personalmangel verursacht werden, zeigt ein Vergleich mit Beschäftigten, die in Betrieben mit vollständiger Belegschaft arbeiten. Sie berichten z.B. nur zu etwa 10 % von ständigem Termin- und Leistungsdruck.
Handlungsempfehlungen für Unternehmen mit Personalmangel
Gerade für Unternehmen, die bereits unter Personalmangel leiden, besteht die Gefahr eines sich verstetigenden und sich selbst verstärkenden Prozesses. Beschäftigte sind häufiger erkrankt und müssen durch die höheren Belastungen in einem jüngeren Alter aus dem Arbeitsprozess ausscheiden, als dies bei normaler Arbeitsbelastung der Fall wäre. Zudem reagieren bereits Beschäftigte in besonders belasteten Berufen (z.B. in der Alten- und Krankenpflege) auf die starke Belastung damit, die Arbeitszeit zu reduzieren. Gegen diese Verschärfung des Personalmangels geben die Autoren der DAK-Befragung die Empfehlung, gerade die Arbeitskraft von älteren Beschäftigten durch die Vermeidung von dauerhaften Überbelastungen zu erhalten. Hier sind vor allem technische Möglichkeiten wie Hebehilfen oder die auf Gesundheit ausgerichtete Organisation der Arbeitsprozesse wichtige Punkte. Für ältere wie für jüngere Beschäftigte kann eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf hilfreich sein, um Teilzeittätige zu einer Beibehaltung bzw. sogar Ausweitung ihrer Arbeitszeit zu bewegen. Ebenso empfehlen die Autoren der DAK-Befragung Aus- und Weiterbildungsangebote, z.B. für gesunde Arbeit sowie zur Erhaltung der Gesundheit auch im Privatleben.